SCRUMpelstilzchen

Weihnachtszeit, ach ja: Ruhe, Muße… die Zeit, in der wir gerne mal wieder ein schönes Buch zur Hand nehmen. Vielleicht mit Märchen, die wir unseren Kindern oder Enkeln vorlesen. In einer agilen Zeit könnte manches bekannte Märchen ein neues Erscheinungsbild bekommen…

Es war einmal ein Müller, der zwar arm war, aber eine schöne Tochter hatte. Als er eines Tages mit dem König zu sprechen kam tat er wichtig und sagte zu ihm: „Lieber Kingdom Owner, ich habe eine patente Tochter, die was sie auch anpackt gut hinbekommt. Sie ist nicht nur schnell und liefert früh und regelmäßig, sie trachtet nach auch ständig nach Verbesserung ihrer Arbeitsweisen. Du wirst es kaum glauben, sie kann jetzt Stroh zu Gold spinnen“.

Darauf entgegnete dieser „Das ist ein Work Product, das mir wohl gefällt! Wenn deine Tochter so geschickt ist, wie du sagst, so kann sie sich morgen in meinem Schloss einfinden, das will ich erleben! Wenn es zu meiner Zufriedenheit läuft und sie wirklich Gold liefern kann, ist sie meine perfekte Ergänzung als Kingdom Ownerin!“

Leidlich selbstorganisiert, eher mit Unterstützung ihres Vaters wurde die Müllerstochter vor den König geführt, der sie sofort in eine optimale Projektumgebung führte, eine Kammer, die ganz voll Stroh war. Er gab ihr alle notwendigen Werkzeuge wie Rad und Haspel, und sprach: „Dein Vater sagte, du könnest früh liefern… Dein Sprint dauert eine Nacht. Wenn du morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so musst du sterben! Ich will kein Inkrement, ich will ein echtes Shippable Product!“ Darauf ward die Kammer verschlossen, und sie blieb allein darin.

Da saß nun die arme Müllerstochter, an den Führungsqualitäten des Kingdom Owners zweifelnd, alleingelassen mit einer negativ formulierten und wenig motivierenden User Story und ängstlich, weil ihr Vater den Kingdom Owner angelogen hatte, denn sie verstand gar nichts davon, Stroh zu Gold zu spinnen. Ihre Angst ward immer größer, so dass sie schließlich zu weinen anfing. Da ging auf einmal die Türe auf und ein kleines Männchen trat herein und sprach: „Guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weinst du so sehr?“ „Ach“, antwortete das Mädchen, „ich soll Stroh zu Gold spinnen und verstehe davon nichts.“ Da sprach das Männchen: »Was gibst du mir, wenn wir Pair Spinning machen und dich unterstütze?“ „Mein Halsband“, sagte das Mädchen. Das Männchen nahm das Halsband, setzte sich zur Müllerstochter vor das Rädchen, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll. Und so ging es fort bis zum Morgen, da war alles Stroh versponnen, und alle Spulen waren voll Gold.

Als der König morgens zum Review kam und das ganze Gold präsentiert bekam, da staunte er und freute sich, aber sein Herz wurde nur noch begieriger, und er ließ das Mädchen in eine andere Projektumgebung voll Stroh bringen, die noch viel größer war, und gab ihr wiederum nur einen eine Nacht dauernden Sprint Zeit zu spinnen, wenn ihr das Leben lieb wäre – Positive Leadership war ihm offenbar nicht geläufig. Das Mädchen wusste sich nicht zu helfen und weinte, da ging abermals die Türe auf, und das kleine Männchen kam und sprach: „Was gibst du mir wenn ich dich wieder im Produktentstehungsprozess unterstütze?“ „Meinen Ring“, antwortete das Mädchen. Das Männchen nahm den Ring und bis zum Morgen war alles Stroh zu glänzendem Gold gesponnen. Der König freute sich beim neuerlichen Review über die Maßen bei dem Anblick, war aber noch immer nicht Goldes satt, sondern ließ die Müllerstochter in einen noch größerer Shop Floor voll Stroh bringen und sprach: „Die musst du noch in kommendem Nacht-Sprint verspinnen; wenn dir das gelingt, sollst du meine Co-Kingdom Ownerin werden“ – schien er sich doch mit Mitarbeitermotivation beschäftigt zu haben, fragte sich die schöne Müllerstochter?

Als sie allein war, kam das Männlein zum dritten mal wieder und sprach: „Was gibst du mir, wenn ich dir nochmal beim früh und regelmäßig Liefern beistehe?“ „Ich habe nichts mehr, das ich geben könnte“, antwortete das Mädchen. „So versprich mir, wenn du Kingdom Ownerin wirst, dein erstes Kind.“ Die Müllerstochter wusste sich in der Not nicht anders selbst zu organisieren und versprach dem Männchen was es verlangte; dafür assistierte das Männchen noch einmal bei der Lieferung des gewünschten Inkrements. Am Morgen lobte der Kingdom Owner in der Sprint Retrospektive die sich stetig verbessernden Leistungen der Müllerin. So hielt er Hochzeit mit ihr und die schöne Müllerstochter ward eine Königin.

Nach einem Jahr brachte sie ein schönes Kind zur Welt und dachte gar nicht mehr an das Männchen, da trat es in ihre Kammer und sprach: »Nun gib mir, was du versprochen hast«. Die Königin erschrak, und bot dem Männchen alle Reichtümer des Königreichs an, wenn es ihr das Kind lassen wollte, aber das Männchen sprach: »Nein, etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt«. Da fing die Königin so an zu jammern und zu weinen, dass das Männchen Mitleid mit ihr hatte. Sie vereinbarten gemeinsam als maßgebliche User Story für einen drei-Tages-Sprint „finde bis zum Sprintende meinen Namen (-> Product Owner/Männlein) heraus – so sollst du (-> Teammember/Königin) dein Kind behalten.“

Nun dachte die Königin die ganze Nacht über an alle Namen, die sie jemals gehört hatte, und schickte einen Boten über Land, der sich weit und breit nach neuen Namen erkundigen sollte. Als am nächsten Tag das Product Owner Männchen kam, stellte sie ihm klärende Fragen wie „heißt du Malte?“ oder „heißt du Lutz?“ und viele weiteren Fragen zu allen Namen, die sie wusste, nach der Reihe her, aber bei jedem sprach das Männlein: »So heiß ich nicht.« Den zweiten Tag fragte sie gemeinsam mit ihrem Untergebenen-Team nach bei allen Leuten, und sagte dem Männlein die ungewöhnlichsten und seltsamsten vor, „Rippenbiest“, „Lothar“, „Schnürbein“ oder „Timo“, aber es blieb dabei: „So heiß ich nicht.“ Den dritten Tag kam ein ausgesandter Bote wieder zurück und erzählte: „Neuen Namen habe ich keinen einzigen finden können, aber wie ich an einen hohen Burg um die Waldecke kam, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, so sah ich da ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer, und um das Feuer sprang ein gar zu lächerliches Männchen, hüpfte auf einem Bein, und schrie:

„Heute stell ich die User Story „Backen“ fertig, morgen die zum „Brauen“,
übermorgen nach dem Sprint Review hol ich der Königin ihr Kind;
ach, wie gut ist dass niemand weiß,
dass ich SCRUMpelstilzchen heiß!“

Da war die Königin froh, dass sie den Namen wusste, und nun am Sprintende das Männlein zum Review kam, und sprach: „Nun, Frau Königin, wie heiß ich?“ fragte sie erst „heißest du Oliver?“ „Nein.“ „Heißest du Frank?“ „Nein.“ „Heißt du etwa SCRUMpelstilzchen?“

Da schrie SCRUMpelstilzchen laut auf und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn tief in die Erde und packte in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riss sich selbst mitten entzwei.

Und die Moral von der Geschicht – SCRUM hilft cholerischen Zwergen nicht!

2 Gedanken zu „SCRUMpelstilzchen“

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