Kollegiale Fallberatung (Wise Crowds) – eine Anleitung

Da wir gerade bei wibas heute (wieder) eine Kollegiale Fallberatung gemacht haben und ich dabei gute Fotos machen konnte, ergreife ich die Gelegenheit, das Vorgehen zu erklären. Mit den Fotos kann man sich gut vorstellen, wie das Vorgehen funktioniert.

Kollegiale Fallberatung ist ein systematisches Beratungsgespräch, bei dem Kollegen sich nach einer vorgegebenen Gesprächsstruktur zu einem Fall beraten und gemeinsam Lösungen entwickeln. Gut ist wenn die (Beratungs-)Gruppe die typische Teamgröße (7+/-2 Personen) hat.

Die Rollen

Die Kollegiale Fallberatung hat drei Rollen:

  • Fallgeber: Er beschreibt den Fall, für den er eine Beratung sucht. Der Fall kann eine Frage sein, eine Praxissituation oder eine Problemstellung. Der Fallgeber gibt Informationen zum Fall  und stellt die Schlüsselfrage, auf die er eine Antwort sucht.
  • Berater: Die Berater sind die Kollegen, die den Fallgeber bei seinem Fall hinsichtlich der Schlüsselfrage beraten. Die Berater müssen nichts mit dem Fall zu tun haben, aber es ist hilfreich, wenn sie den Fallgeber inhaltlich verstehen (Kollegen). Ein typisches Szenario bei uns, dass Agile Coaches eine Kollegin bzw, einen Kollegen beraten.
  • Moderator: Dies ist die Person, die sich aus der Beratung heraushält und den Prozess facilitiert. Sie achtet darauf, dass die Schritte der Fallberatung von allen verstanden sind und eingehalten werden. Ggf. unterstützt sie auch den Prozess, z.B. durch klärende Fragen während der Schilderung vom Fall. Sie achtet auch darauf, dass Fallgeber und Berater respektvoll miteinander umgehen.

Die Rollen werden für jeden Fall unter den Beteiligten (Kollegen) neu festgelegt. Es gibt keinen Experten oder Moderator von außen (außer ggf. am Anfang, wenn eine Gruppe das Verfahren lernt).

Das Vorgehen

Eine Fallberatung dauert etwa eine dreiviertel bis ganze Stunde. Sie teilt sich in die folgenden sechs Schritte auf:

  1. Der Fallgeber beschreibt die Situation/den Fall/das Szenario/das problem und formuliert seine offene Frage (Schlüsselfrage) – 5 min.
  2. Die Berater-Kollegen stellen Verständnisfragen – 10 min.
  3. Hypothesen bilden – 15 min
    • Die Berater stellen Vermutungen und Interpretationen an. dabei versetzen sie sich in die Lage der Beteiligten (Wie würden die sich fühlen? Wie würden sie handeln?)
    • Der Fallgeber dreht sich während dieses Schrittes um (oder geht hinter eine Pinnwand o.ä.) und hört zu. Typischerweise macht er sich auch Notizen.
  4. Hypothesen aussortieren – 5 min
    • Der Fallgeber kann sich selbst äußern, um zu fokussieren, auf welche Hypothesen die Berater ihre Lösungsfindung bauen. Das macht der Fallgeber wertschätzend und ohne zu kommentieren.
  5. Lösungsideen erarbeiten – 15 min
    • Die Berater erarbeiten Lösungsideen und Handlungsalternativen zur Schlüsselfrage basierend auf den „bestätigten“ Hypothesen.
    • Der Fallgeber dreht sich während dieses Schrittes wieder um,  hört zu und macht sich Notizen.
  6. Lösungsideen reflektieren – 5 min
    • Der Fallgeber reflektiert den „Ertrag“ der Beratung (z.B. was hat räsoniert, was nicht) und beschreibt die Schritte, die er als nächstes konkret gehen wird.

Achtung vor: im Hypothesenteil schon lauter Lösungen denken. Im Lösungsteil die Hypothesen ignorieren.

Vom Vorgehen gibt es unterschiedliche Varianten (siehe z.B. die Beschreibung bei Wikipedia) und keinen Standard. Findet für euch einen Weg, der funktioniert, inspiziert und verbessert ein wenig. So kann man z.B. ans Ende noch eine kurze Retrospektive zum Prozess machen.

Das Ergebnis

Das Ergebnis der Fallberatung sind eine Reihe von Antworten (Optionen) auf die Schlüsselfrage, die der Fallgeber gestellt hat. Meistens geht der Fallgeber mit einer ganzen Reihe von Ideen aus der Fallberatung heraus. Das gleiche gilt aber auch für die Berater-Kollegen: selbst wenn es nicht ihr Fall ist, bauen die Falldiskussionen eine Lösungskompetenz für eigene zukünftige Situationen auf.

Referenzen

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