Über Design Thinking, Scrum, Kanban und Maslows Hammer.

Ich wurde vor kurzem gefragt, welches (Skalierungs-) Framework mir am Liebsten ist. Zugegeben: Im Kontext des Gesprächs war es ganz eindeutig eher eine rhetorische Frage. Trotzdem erinnert mich die Frage an die Zeit, in der man Basketball-Karten oder Panini-Sticker gesammelt hat. Statt „Michael Jorden oder Charles Barkley“ heißt es heute eben nur „Craig Larman, Dean Leffingwell oder Henrik Kniberg“?

Bei den Skalierungsframeworks haben sich die meisten Unternehmen heute schon auf ihr favorisiertes Modell geeinigt. In einem anderen Bereich sehen wir da noch mehr Varianz: Design Thinking.

Die kreative Bewegung und die Erkenntnis, dass man Kreativität nicht standardisieren kann.

Wie viele Phasen hat ihr Design Thinking? 3? 4? 5? 6? – Alles richtig. Es gibt unterschiedliche Design Thinking Modelle, die unterschiedlich viele Phasen haben. Vergleicht man die unterschiedlichen Modelle, stellt man fest, dass die Phasen ähnliche Aktivitäten unterschiedlich detailliert beschreiben und unterschiedlich viele Zwischenschritte für Teams festsetzen. Unterschiedliche Modelle drücken dabei auch unterschiedliche Schwerpunkte aus. Drei Beispiele im Vergleich:

3-Phasen-Modell (ideo): Inspiration, Ideation und Implementation als kontinuierlicher Prozess

5-Phasen-Modell (Pijl, Lokitu & Solomon): Es gibt Raum für Kreativität und Raum für Umsetzung, dazwischen immer einen konsolidierten „Point of View“.

6-Phasen-Modell (d.school): Der Double Diamond beschreibt 6 Phasen. Das Modell drückt dabei in erster Linie aus, dass das Vorgehen abwechselnd divergierend und konvergierend ist.

Das spannende daran? – Alle Modelle sind „richtig“ und beschreiben das, was im Design Thinking passiert. Wir stellen dabei in Trainings und Simulationen fest, dass Menschen ein und derselben Gruppe auf unterschiedliche Modelle unterschiedlich gut reagieren. Den einen liegt das eine mehr, die anderen verstehen ein anderes besser. Kreativität lässt sich nämlich schwer Standardisieren. Um Design Thinking zu verstehen, macht es also Sinn, diese unterschiedlichen Modelle parallel zueinander existieren zu lassen. Das funktioniert in der Praxis. – SAFe und LeSS gleichzeitig zu machen ist da schon wesentlich schwerer.

Im operativen Tun brauchen wir trotzdem einen gewissen Standard. Dabei setzt sich das Vorgehensmodell der Google X-Labs durch: Der Design Sprint. Der Design Sprint  beschreibt, wie man eine Design Thinking Iteration umsetzen kann. Ein Design Sprint dauert – wenn man den Empfehlungen der Erfinder folgt – von Montag bis Freitag und hat eine klare Agenda.

Daneben gibt es auch standardisierte Toolkits wie zum Beispiel von Darkhorse, die Templates für Arbeitsschritte in den einzelnen Phasen anbieten. Auch das hilft in der Umsetzung, gibt dem ganzen mehr Entfaltungsspielraum.

Die Gegenbewegung und Maslows Hammer.

Es gibt Menschen die es aus nachvollziehbaren Gründen ablehnen, sich diesem ganzen Stress auszusetzen. Man kann sich die Übersicht über die vielen unterschiedlichen Modele recht einfach sparen, indem man auf andere, standardisierte agile Frameworks zurückgreift. Scrum zum Beispiel: Eindeutig beschrieben, ausgereifter, nachvollziehbarer. Wir nennen das dann „Maslows Hammer“. Maslows Hammer „…bezeichnet die Beobachtung, dass Menschen, die mit einem Werkzeug (oder einer Vorgehensweise) gut vertraut sind, dazu neigen, dieses Werkzeug auch dann zu benutzen, wenn ein anderes Werkzeug besser geeignet wäre.“ (Quelle) – oder vereinfacht gesagt: „Wenn Du einen Hammer in der Hand hältst, sieht alles wie ein Nagel aus!“

Kann man mal machen, entspricht aber nicht dem Sinn des Erfinders. Um den Sinn des Erfinders (so ziemlich aller agilen Frameworks) zu verstehen, bietet es sich an dieser Stelle an, einen Schritt zurückzutreten und folgendes Festzuhalten:

  • Alle gängigen agilen Frameworks haben ihren Ursprung in der Produktentwicklung
  • Agilität erfüllt keinen Selbstzweck, sondern hat den Sinn die Produktentwicklung zu unterstützen
  • Die Ansprüche an die Arbeitsweise verändern sich im Verlauf des Produktentstehungsprozesses

Dazu eine Reihe an Hypothesen, und ein zusammenfassendes Bild:

  • Der Produktentstehungsprozess geht von der Idee (links) bis zur Serienfertigung (rechts) – dazwischen gibt es Zwischenstände in Form von Prototypen bzw. lauffähige und demonstrierbare Inkremente
  • Am Anfang ist sind Eigenschaften wie Co-Kreativität, Ideenreichtum, Innovation wünschenswert. Kurz vor Serienfertigung müssen wir das Rad aber bitte nicht nochmal neu erfinden.
  • Die Cost-per-Unit oder First-Copy-Costs sinken im Lauf der Reife.
  • Dem gegenüber müssen erste Prototypen noch nicht finalen Qualitätskriterien und Standards entsprechen. In der Fertigung haben wir dabei den Anspruch die Produktionskadenz zu erhöhen. In der Softwareentwicklung kennt man das als kurze Ticket-Durchlaufzeit im Betrieb. Das kommt dabei alles mit der Zeit.
  • Andere Eigenschaften wie frühe und regelmäßige Lieferung, Inspizieren und Anpassen sowie Transparenz sind in allen Phasen des Produktentstehungsprozesses wichtig.

Unterschiedliche Agile Frameworks geben dabei Antworten auf unterschiedliche Bedürfnisse entlang dieses Prozesses: 

Grob gesagt eignet sich Design Thinking eher für den kreativeren Teil, Kanban für Standardisation bei hohen Kadenzen. Scrum eignet sich dabei für „den Teil dazwischen“.

Die Ko-Existenz von Agilen Frameworks im Allgemeinen und die Ko-Existenz von Design Thinking Frameworks im Speziellen.

Daraus folgt dann, dass nicht nur unterschiedliche Ideen von Design Thinking nebeneinander existieren dürfen. Es dürfen – je nach Bedürfnis – auch unterschiedliche Agile Frameworks angewandt werden. Das Gute daran: Sie lassen sich miteinander kombinieren. Um so weit zu kommen, gilt es aber erst einmal, das richtige Framework auszuwählen. Und dabei gelten wie immer die beiden Credos:

  • „Wenn Scrum die Antwort ist, wie lautet dann die Frage?“ und
  • „Im Zweifelsfall hilft Ihnen der Agile Coach ihres Vertrauens“

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