Der Hänger zum Thema

Helmut Hänger (58), Mathematiker, seit 23 Jahren bei einer Versicherung tätig.

Digitalisierung. Wenn ich das schon höre. Ist jetzt das neue große Ding, sagen sie. Wir müssen uns dafür rüsten, sagen sie. Sonst gibt’s uns bald nicht mehr, sagen sie.

Ich bin keine Fan von digital. Ich mag analog. Das fing schon in den 80ern an, als diese kleinen silbernen Scheiben aufkamen und alle völlig aus dem Häuschen waren, dass Musik viel toller klingt. Alle wollten nur noch CDs haben. Ich habe ja noch meine LP-Sammlung zuhause. Wenn ich so richtig relaxen will, lege ich eine Platte auf. Das hat Stil. So’ne fummelige CD in den Player zu schieben ist dagegen doch echt dröge.

Aber mittlerweile sind wir schon weit über die CD hinaus. CDs kauft ja heute auch keiner mehr. Musik kommt heute nur noch online ins Haus. Und digital. Nichts mehr zum Anfassen. Und nix zum in den Schrank stellen oder so. Keiner geht mehr in den Laden und kauft Musik. Oder Filme. Oder Bücher. Alles online.

Bei uns in der Firma wird auch alles immer mehr online. An E-Mails habe ich mich ja mittlerweile gewöhnt. Die find ich eigentlich gar nicht schlecht. Da muss man sich nicht so mit den Leuten beschäftigen. Da mache ich einfach die Bürotür zu und schreibe E-Mails. Geht gut. Jetzt haben sie aber so’n firmeninternes Facebook gestartet. Und einen Chat. Da wirste plötzlich – mitten im E-Mail-Schreiben – von jemand gestört, der dich über den Chat anquatscht. Das braucht ja auch keiner. Zum Glück gibt’s die „ich bin mal weg“- Einstellung. Die ist bei mir Standard.

Jetzt haben wir aber so’n jungen Chef bekommen. Der will noch digitaler werden. Er hat jetzt angefangen mit uns über Twitter zu kommunizieren. Ich musste erst mal nachlesen, was das ist. Hab nicht ganz verstanden, wozu das gut ist, aber unsere IT hat uns das eingerichtet. Jetzt sind wir „Follower“ von unserem Chef. So’n Blödsinn. Jetzt muss ich nicht nur jeden Tag meine E-Mails angucken, sondern auch noch in das Twitter-Gedöns.

Das einzige gute an der ganzen Digitalisierungs-Geschichte ist, dass wir jetzt „Desk-Sharing“ eingeführt haben. Toller Name, oder? Ich hab jetzt keinen eigenen Schreibtisch mehr, sondern ich muss mir morgens einen suchen und mit den Kollegen um die guten Plätze streiten.

Oder von zuhause arbeiten.

Viel einfacher. Da habe ich meine Ruhe. Hab alles was ich brauche und kann Pause machen wann ich will. Ich arbeite nur noch von zuhause. Mal sehen, wann das jemand auffällt.

Irgendwie is alles nicht mehr so wie früher. Früher gab’s zur Rente noch ne goldene Uhr. Ich sag euch, wenn ich mal in Rente gehe, bekomme ich ’ne Mail mit nem Link auf den Tweet, wo steht, wie ich beim „Uhr-Sharing“ mitmachen kann. Nee, danke, verzichte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, an Dritte weitergeleitet oder anderweitig genutzt.