Agiles Arbeiten und Positivität im Coaching

Tränen der Erleichterung und Freude, sich selbst in einem positiven Licht zu sehen und sich dadurch noch mehr so anzunehmen wie man ist. Das waren die Reaktionen auf unsere Coachings mit den Agile Mastern. Wir haben unsere Erkenntnisse der Positiven Psychologie mit agilem Arbeiten im Coaching verheiratet. Und die Reaktion der Coachees ist Bestätigung genug, dass wir genau auf dem richtigen Weg sind…

Unsere persönliche Reise

Der Aufbruch in dieses Coaching-Angebot beginnt 2019 mit einem Kongress. Thema: Positive Psychologie und die Zukunft der Gesellschaft. Ort: Bregenz. Veranstalter: Seligman Europe und die Akademie für Kind, Jugend und Familie. Seit 2009 läuft die „Positive-Psychologie-Tour“ mit Martin Seligman, dem Gründungsvater der Positiven Psychologie. Dieser Teilbereich der Psychologie beschäftigt sich mit der Kraft der Positivität. Es geht darum Kompetenzen und Stärken bei Menschen sichtbar zu machen, damit Entwicklungs- und Veränderungsprozesse erfolgreich sind. Die Positive Psychologie ist in vielen Bereichen einsetzbar: Erziehung, Business- und Persönlichkeits-Coaching, Therapie, Gesundheit usw.

Die fünfte Positive-Psychology-Tour 2019 beschäftigt sich mit der Fragestellung: „Wie relevant ist die Positive Psychologie für unsere erfolgreiche Zukunft und die unserer Gesellschaft?“ Die Bedeutung „positiver“ Erziehung und die Verbindungen zu Positiver Führung und Positivem Management stehen dabei im Zentrum.

Als wir in Bregenz ankommen, strahlt die Sonne auf den Bodensee. Das Wetter passt zu unserer Stimmung und zum Thema der nächsten drei Tage. Der Kongress ist vollgepackt mit herausragenden Referent:innen und inspirierenden Geschichten.

Diese Vorträge begeistern uns am meisten und inspirieren uns nachhaltig:

  1. Bodo Janssen, ein Hotelier aus Hamburg, erzählt seine persönliche Geschichte über Misserfolg und Erfolg und wie es möglich ist, einen Betrieb positiv und wertschätzend zu führen. Die Geschichte ist so lebendig, rührend und mitreißend. Wir haben Tränen in den Augen …
  2. Markus Ebner fesselt uns mit dem Thema „Positive Leadership“ und präsentiert uns sein Modell des PERMA-Lead*: Ein wissenschaftlich fundiertes Modell, das auf den existierenden Modellen der Positiven Psychologie aufbaut und sich nachweislich auf Krankenstände, Kreativität, Burn-out-Gefährdung und vieles mehr bei Mitarbeitenden auswirkt. Wir denken sofort an unsere Arbeit und überlegen, wie wir das wohl auf das Coaching mit unseren Führungskräften übertragen können.
  3. Der Abschluss und Höhepunkt des Kongresses ist der Auftritt von Martin Seligman. Sein Thema: Positive Erziehung und menschlicher Fortschritt. Er berührt uns mit der Übung, in 100 Worten die Vision einer positiven Zukunft unserer Gesellschaft aufzuschreiben und wie wir als einzelne Personen dazu einen Beitrag leisten werden.

* Ein PERMA-Lead ist eine Führungskraft, die durch ihr Führungsverhalten das PERMA ihrer Mitarbeiter positiv beeinflusst. Den Begriff PERMA hat Martin Seligman 2011 in seinem Buch „Flourish. Theorie des Wohlbefindens mit 5 Komponenten als Grundlage für das Aufblühen von Menschen“ eingeführt (siehe Grafik).

Quelle: Dr. Markus Ebner, Positive Leadership, 2019

Produktentwicklung in Inkrementen

Unsere Begeisterung und die Aha-Momente des Kongresses wollen wir unbedingt sichern und weiterentwickeln. Gesagt, getan. Wir verabreden uns zu wöchentlichen Arbeitssessions und feilen an einem Produkt, das die validen Ergebnisse von Studien aus der Positiven Psychologie mit unseren Erfahrungen als Agile Coaches verknüpft.

In den ersten Sessions experimentieren wir mit Kreativmethoden aus dem Design-Thinking- und Lean-Start-up-Umfeld. Wir arbeiten heraus, wer unsere Zielgruppe ist, welche Bedürfnisse und Herausforderungen sie hat, und wie ein Produkt aussehen könnte, das zu ihr passt.

Die Bedürfnisse der Agile Master kennen wir gut aus zahlreichen Coachings der letzten Jahre. Und trotzdem ist es uns wichtig, die Produktidee, die sich langsam formt, mit der Zielgruppe zu diskutieren. Wir wollen herausfinden, ob sie tatsächlich ihren Bedürfnissen entspricht.

Einige Kund:innen zur Verprobung des Produktes haben wir bereits: Wir sind beauftragt, die Agile Master:innen dieser Unternehmen im Rahmen ihrer Ausbildung zu coachen.

Unsere Zielgruppe: Agile Master:innen

Unser Produkt: Ein Coaching-Prozess zum „Positive Agile Master“ in vier Phasen (siehe Grafik):

  • Phase 1: Ressourcen erkunden
  • Phase 2: Vision träumen
  • Phase 3: Zukunft gestalten
  • Phase 4: Maßnahmen ableiten, priorisieren und Umsetzung planen
Quelle: Sandra Sturmann, Caroline Haussmann, Coachingprozess, 2020

Kurz gesagt: Im Coaching machen wir mit den Agile Master:innen eine Standortbestimmung, die als Startpunkt ihrer Entwicklungsreise zu verstehen ist. Wie lange die Entwicklungsreise durch uns als Coaches begleitet wird, kann dann individuell vereinbart werden.

Im Folgenden beschreiben wir diese Schritte anhand unserer Erfahrungen.

Praxiserfahrungen und Feedback

Wie läuft das PERMA-Coaching ab? In insgesamt vier bis fünf Coaching-Sessions begleiten wir Coachees auf ihrer Entwicklungsreise. Im ersten Schritt finden die Coachees heraus, was sie wirklich, wirklich gut können. Dann machen wir gemeinsam in einer Rückschau Verhaltensweisen sichtbar, die das PERMA der Teammitglieder verbessern.

Dazu fordern wir Coachees beispielsweise auf sich an drei Situationen im letzten Sprint zu erinnern, in denen sie dazu beigetragen haben, dass ihr Team Spaß bei der Arbeit hat. Es kommen spannende und wertvolle Geschichten zum Vorschein: Eine Coachee berichtet von einer „Selfmade-Stehtisch-Challenge“, die sie in ihrem Team initiierte. Jedes Teammitglied hat dabei einen eigenen Stehtisch kreiert, um im Homeoffice besser arbeiten zu können. Die Challenge hat für viel Spaß gesorgt und war gleichzeitig heilsam für den vom vielen Sitzen geplagten Rücken der Teamkolleg:innen.

Eine weitere Reflexionsfrage im Coaching lautet: „Welche drei Situationen im letzten Sprint fallen dir ein, in denen du dazu beigetragen hast, dass sich Teammitglieder gegenseitig unterstützen oder wertschätzen?“ Die Antwort aus einem Pilot-Coaching: “ich habe eine bereichsübergreifende You-made-my-day-Initiative ins Leben gerufen und damit dazu beigetragen, dass sich die Beziehungen zu anderen Einheiten verbessern.”

In der nächsten Phase entwirft der Coachee seine Vision, wo die Entwicklungsreise hingehen soll. Daraus leitet er kleine Schritte ab, die in diese Richtung führen. Wir fragen: „Mal angenommen, du könntest die Agile-Master-Rolle frei gestalten und so leben, wie du sie dir in deinen kühnsten Träumen vorstellst. Wie wäre das?“ Die Antwort darauf: „Ich möchte zukünftig mehr bei übergeordneten Themen mitarbeiten und die agile Transformation des gesamten Unternehmens vorantreiben. Zum Beispiel trage ich dann dazu bei, die Innovationskultur und die Neuentwicklung von Produkten in meinem Bereich voranzutreiben. Ich kann etwas bewegen und habe einen ganzheitlichen Blick auf die Veränderung.“ Als nächste Schritte in Richtung seiner Vision leitet er ab: Shadowing mit anderen Scrum Master:innen im Unternehmen, die CSM-Zertifizierung und wahrscheinlich die Ausbildung zum Agile Change Manager bei wibas.

Die Rückmeldung zu unserem Ansatz ist sehr positiv, denn wir stärken Stärken, statt an Schwächen herumzuoptimieren. Und die Reaktion der Coachees ist Bestätigung genug, dass wir genau auf dem richtigen Weg sind: Tränen der Erleichterung und Freude, sich selbst in einem positiven Licht zu sehen und sich dadurch noch mehr so anzunehmen wie man ist.

Eine andere Agile Masterin berichtet: „Ich habe einen hohen Anspruch an mich selbst und daran, mein Team auf dem Entwicklungsweg zu begleiten. Oft tendiere ich dazu, das zu verändern, was noch nicht so gut läuft. Indem ich mir bewusst mache und wertschätze, was ich Tag für Tag schon Positives im Team bewirke, nehme ich mir Erwartungsdruck, das zu ändern, was noch nicht optimal läuft. Außerdem lenkt es meinen Fokus auf das Positive und wie ich das weiter ausbauen kann. Das tut gut.“

Unsere ersten Erfahrungen zeigen, dass das Stärken der Stärken nicht nur den begleiteten Coachees hilft. Denn die positive Energie geht auch auf die Teammitglieder über. Ganz im Sinne eines PERMA-Leaders wirkt dieser Ansatz sowohl auf die Führungskraft als auch auf ihre Mitarbeiter.

Ausblick

Seitdem wir uns regelmäßig mit dem Thema „Positive Führung“ beschäftigen, sehen wir viele Anwendungsmöglichkeiten und begeistern andere Menschen dafür, auf ihre Stärken zu schauen und diese weiterzuentwickeln. Dabei ist uns bewusst, dass das Umsetzen der Positiven Psychologie als Coach herausfordernd ist. Als Voraussetzung braucht es eine positive Haltung und Erfahrungslernen in kleinen Schritten.

Denn der größte Raum für Leistungssteigerung liegt in den Stärken eines Menschen. In diesem Sinne wollen auch wir uns genau dort weiterbilden, wo wir bereits stark sind. Wir glauben, dass die Positive Psychologie noch viele weitere Aspekte beinhaltet, die wir als Coaches in unserer täglichen Arbeit nutzen können und wollen.

Wir freuen uns jetzt schon darauf, dieses neu erworbene Wissen und diese positive Erfahrung mit interessierten Menschen zu teilen 😊 Falls ihr Lust habt, kontaktiert uns gerne:

Über die Autorinnen:

Caroline Haußmann ist Agile Coach und Change-Management-Expertin bei wibas. Kontakt: caroline.haussmann@wibas.com

Sandra Sturmann ist Agile Coach, Systemische Beraterin, Change-Expertin und wibas-Netzwerkpartnerin. Kontakt: sandra.sturmann@partner.wibas.de

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3 Gedanken zu „Agiles Arbeiten und Positivität im Coaching“

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